Warum Subjektivität in Geburtsgeschichten kein Problem ist

Wenn deine persönliche Wahrnehmung oder Erinnerung nicht mit dem übereinstimmt, was andere dir erzählen, beginnst du, zu grübeln. “An dem Tag schien die Sonne”, denkst du. Und alle anderen sagen, dass es an besagtem Tag stürmisch und regnerisch war. Du schaust in die Wetterdaten. Tatsächlich, da steht: Regen und Wind. 

Du kannst nicht anders: Besagter Tag war dein Namenstag. Du erinnerst dich genau daran, wie in diesem Tag die Sonne durch das Fenster auf den Strauß mit Blumen schien. Nun steht also deine Erinnerung gegen die Daten.

Wie kann das sein?

Es gibt viele Erklärungen. Vielleicht redet ihr von unterschiedlichen Zeiten. Vielleicht regnete es vormittags und du schautest nachmittags aus dem Fenster. Vielleicht regnete es auch tatsächlich den ganzen Tag, und das bekamst du auch mit — doch dieser eine Moment, in dem der Sonnenstrahl durch die Wolken brach, war das, was dich faszinierte.

Oder du bist fehlerhaften Daten aufgesessen. Vielleicht hast du Recht und die Sonne schien. Die anderen Menschen hatten zwar die Daten der Großwetterlage, konnten damit aber nicht berücksichtigen, dass gerade bei dir im Ort kein Regen fiel.

Deine Wahrheit ist, was zählt

Wenn du anderen Menschen von deinem Namenstag erzählst, wird der Sonnenstrahl, der auf die Blumen fiel, darin vorkommen. Denn das ist, an das du dich erinnerst. Deine Geschichte besteht aus deinen Erinnerungen.

Genauso ist es auch, wenn du deine Geburtserfahrungen aufschreibst. 

Wie du die Geburt deiner Kinder erlebt hast, kann diametral davon abweichen, was andere dir erzählen oder aus deiner Schilderung machen.

Hier sind ein paar Beispiele:

  • Alle loben dich, dass du ohne PDA ausgehalten hast, dabei hattest du nur keine PDA, weil das Personal nicht schnell genug den Zugang legte.
  • Die Welt um dich findet es wunderbar, dass du nur so kurze Wehen hattest. Du hättest dir eine längere und weniger stürmische Geburt gewünscht.
  • Dir werden Vorwürfe gemacht, dass du nach der Geburt nicht den Krankenwagen gerufen hast, dabei wolltest du ganz bewusst dein Kind zu Hause zur Welt bringen.
  • Im Geburtsbericht des Krankenhauses steht, dass du weggetreten warst, dabei fühltest du dich sehr präsent.

 

Es gibt unendlich viele Situationen, in denen das Geschehene von Außen anders interpretiert wird als du es selbst siehst.

Nicht immer ist dabei böse Absicht im Spiel. Manchmal projizieren die Menschen auch einfach deine Worte in ihre eigene Erfahrung. Und schon kommt ohne fiese Hintergedanken etwas ganz anderes dabei heraus als du ursprünglich wolltest. 

Dennoch kann es dich verwirren: Wie kann es sein, dass niemand die Geschehnisse so annimmt, wie du sie erlebt hast?

Hast du vielleicht doch etwas falsch in Erinnerung?

Und wie gehst du damit um, wenn du deine Geburtsgeschichte schreibst?

Deine Wahrheit ist, was zählt! Wenn du deine Geburtserfahrungen aufschreibst, zählt deine ureigene Erfahrung. Dein Erlebnis in deinen Worten ist genau richtig. Alles andere kann ergänzen, muss es aber nicht.

Andere Sichtweisen können deine Erzählung unterstützen

Natürlich kannst du reflektieren, woher die unterschiedlichen Meinungen kommen. Wenn du magst, kannst du darüber auch in deiner Geburtsgeschichte schreiben. 

So kannst du zum Beispiel ausformulieren, warum dich etwas irritiert hat. Persönlich habe ich mir nach der Geburt meines ersten Kindes Vorwürfe gemacht. Mein Umfeld dagegen war voll des Lobes. In der Geburtsgeschichte schreibe ich: Im Gegenteil. „Wow, so lange hast du vorher durchgehalten!“ und „toll, dass es ohne Kaiserschnitt geklappt hat“ habe ich gehört. Niemand sah, dass ich fühlte, ich sei gescheitert.

Ich relativiere die Meinung der anderen nicht, ich mache sie mir aber auch nicht zu eigen. Die Interpretation der anderen existiert neben meiner eigenen Interpretation. Für die Geburtsgeschichte ist diese eigene Interpretation die wirklich wichtige. Alles andere ist interessantes Beiwerk.

Nimm also andere Sichtweisen auf, wenn du sie spannend findest oder wenn sie relevant sind für deine weiteren Entscheidungen. Wenn nicht, kannst du sie auch getrost weglassen. Ohne schlechtes Gewissen kannst du einfach deine eigene Sichtweise vertreten. Schließlich schreibst du eine Geschichte, kein Protokoll.

Damit meine ich nicht, dass du Dinge erfinden sollst. Bleib bei der Wahrheit: Bleib bei deiner eigenen Wahrheit. Objektivität hat durchaus ihren Platz — aber nicht in deiner Geschichte, wenn du es so bestimmst.

Subjektivität in Geburtsgeschichten: Lass dich nicht verunsichern

Lass dich also nicht verunsichern, wenn andere Menschen dir erzählen, dass etwas anders war, als du es in Erinnerung hattest.

Selbst wenn du diese Abweichungen schwarz auf weiß hast, kannst du sie getrost ignorieren. Schreib deine Geschichte in deinen Worten. Du hast das Recht auf diese Geschichte. Immerhin kann niemand wissen, wie genau du zu dieser Interpretation kommst. Ohne deine Geschichte werden die Menschen diese Interpretation vermutlich überhaupt nie kennenlernen.

Deshalb ist mein Ratschlag: Lass dich nicht verunsichern, wenn du etwas anders bewertest als andere Menschen. Schreib in deine Geschichte genau das, was du erlebt hast.

Hilfe beim Schreiben

Falls du beim Aufschreiben deiner Geburtserfahrungen meine Unterstützung in Anspruch nehmen willst, melde dich gern bei mir. Ich unterstütze beim Schreiben, Lektorat und Layout. Hier findest du weitere Informationen. Ich freue mich auf deine Nachricht.

Ein Gedanke zu „Warum Subjektivität in Geburtsgeschichten kein Problem ist“

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